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Salutogenese: Warum die entscheidende Frage nicht ist, was dich krank macht

Von Kurt Tropper · 18. September 2026 · Lesezeit 6 Minuten
Titelbild: © Innsbruck Tourismus / Ashley Wiggins

Israel, 1970. Ein Forscher sitzt über einem Stapel Fragebögen und findet etwas, das er gar nicht gesucht hat.

Aaron Antonovsky, Medizinsoziologe, wollte eigentlich wissen, wie Frauen mit den Wechseljahren zurechtkommen. Alle Befragten waren alt genug, um den Zweiten Weltkrieg als junge Frauen erlebt zu haben. Eine Frage hatte er fast beiläufig in den Bogen genommen: ob sie in einem Konzentrationslager gewesen seien.

Dann verglich er die beiden Gruppen.

Von den Frauen, die nicht im Lager gewesen waren, war rund die Hälfte psychisch gesund. Von den Überlebenden knapp ein Drittel. Das Lager hatte Spuren hinterlassen, und zwar deutliche.

Trotzdem blieb Antonovsky an dieser Zahl hängen. Knapp ein Drittel – das waren Frauen, die das Lager überlebt hatten, danach jahrelang heimatlos gewesen waren, in einem fremden Land neu angefangen hatten, Kinder großzogen, weitere Kriege erlebten. Und gesund geblieben waren. Nach allem, was man damals über Stress wusste, hätte es sie eigentlich nicht geben dürfen.

Noch etwas fiel ihm auf. Auch in der Vergleichsgruppe ging es fast der Hälfte schlecht. Ohne Lager, ohne Verfolgung. Offenbar entschied nicht allein das, was einem widerfahren war.

Also stellte Antonovsky die Frage neu. Nicht mehr: Warum werden Menschen krank? Sondern: Was hält sie gesund? Aus dieser Umkehrung wurde ein Konzept, das die Gesundheitswissenschaften verändert hat.

Was Salutogenese wirklich bedeutet

Der Begriff, den Antonovsky dafür prägte, setzt sich zusammen aus dem lateinischen salus, Gesundheit, und dem griechischen genesis, Entstehung. Gesundheitsentstehung also.

Die Medizin, wie wir sie kennen, denkt pathogenetisch. Sie fragt: Was macht Menschen krank, und wie bekommen wir das weg? Das ist keine Schwäche, sondern eine enorme Stärke – bei einem gebrochenen Knochen oder einer Lungenentzündung willst du genau diese Frage beantwortet haben.

Nur beantwortet sie eben nicht alles. Sie erklärt nicht, warum zwei Menschen mit demselben Stress, demselben Schlafmangel und derselben Belastung völlig unterschiedlich dastehen. Die salutogenetische Frage dreht die Blickrichtung um: nicht, was Menschen krank macht, sondern was sie gesund hält.

Das Wort taucht heute auf jeder zweiten Wellness-Seite auf, meist als Dekoration für ein Massageangebot. Antonovsky hat etwas deutlich Unbequemeres gemeint.

Der Fluss: das Bild, das alles erklärt

Er hat es mit einem Fluss beschrieben, und dieses Bild ist bis heute das beste, das es zum Thema gibt.
Stell dir vor, das Leben sei ein Fluss – mit Strömung, Stromschnellen, Strudeln, unübersichtlichen Biegungen. Die klassische Medizin steht flussabwärts und fischt mit erstaunlicher technischer Raffinesse die Ertrinkenden heraus. Sie fragt dabei selten, wie die Leute überhaupt in den Fluss gekommen sind oder warum manche untergehen und andere nicht.

Antonovskys Frage war eine andere: Wie wird man, egal an welcher Stelle des Flusses man sich gerade befindet, ein guter Schwimmer?

Darin steckt die zweite Pointe. Bei ihm ist Gesundheit kein Schalter, der auf gesund oder krank steht. Sie ist ein Kontinuum, und wir alle bewegen uns unser Leben lang darauf hin und her. Niemand ist ganz an einem Ende. Die relevante Frage lautet also nie, ob du gesund bist, sondern in welche Richtung du dich gerade bewegst.

Das Kohärenzgefühl: verstehen, bewältigen, Sinn sehen

Was unterscheidet nun die guten Schwimmer? Antonovsky fand einen gemeinsamen Nenner und nannte ihn Kohärenzgefühl, im Original sense of coherence. Er besteht aus drei Teilen.

Verstehbarkeit heißt: Ich kann einordnen, was mit mir passiert. Mein Körper ist für mich kein unberechenbares Ding, das mal funktioniert und mal nicht. Wenn ich müde bin, weiß ich ungefähr, warum.

Handhabbarkeit heißt: Ich habe Mittel, um damit umzugehen. Nicht für alles, aber für genug. Ich bin dem nicht ausgeliefert.

Und Bedeutsamkeit heißt: Es lohnt sich, sich anzustrengen. Die Sache hat für mich einen Sinn, der über das Abhaken hinausgeht.

Wer mit Training zu tun hat, erkennt hier sofort etwas wieder. Der Grund, warum Menschen ihr Fitnessstudio nach acht Wochen nicht mehr betreten, ist fast nie fehlende Disziplin. Es ist meistens eines dieser drei Dinge, das fehlt. Sie verstehen nicht, was das Programm mit ihnen macht. Oder sie haben das Gefühl, es ohnehin nicht zu schaffen. Oder es bedeutet ihnen schlicht nichts.

Hotel_Schwarz_Fitnessraum4_hotelsINshape@mood.at_2024.08.07_schwarz.135_web
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Was das in einem Gesundheitsurlaub praktisch heißt

Genau an diesem Punkt wird aus Theorie etwas, das man buchen kann. Das Alpenresort Schwarz auf dem Mieminger Plateau in Tirol ist eines der wenigen Häuser im Alpenraum, das seinen Gesundheitsansatz ausdrücklich salutogenetisch nennt – und den Begriff auf der eigenen Seite auch erklärt, statt ihn nur zu verwenden. Die ärztlich begleiteten Gesundheitsprogramme gibt es dort seit rund zehn Jahren.

Der Aufbau folgt der Logik des Modells. Vier Felder greifen ineinander: Ernährung, Bewegung, Regeneration und Achtsamkeit. Kein einzelnes davon ist die Lösung, und keines funktioniert ohne die anderen. Begleitet wird das von einem Ärztinnen-Team um Dr. Heidi Pirktl, Dr. Irene Brunhuber und Dr. Julia Cordin sowie rund vierzig Gesundheitsexpertinnen und -experten im Haus.

Der eigentliche Unterschied liegt aber nicht in der Ausstattung, sondern in der Absicht. Eine Massage macht dich für zwei Stunden entspannter. Eine Analyse, die dir erklärt, wie dein Stoffwechsel gerade arbeitet, verändert etwas an deiner Verstehbarkeit. Ein Trainingsplan, den du auch zu Hause umsetzen kannst, arbeitet an deiner Handhabbarkeit. Und eine Woche, in der du merkst, dass es dir tatsächlich besser geht, arbeitet an der Bedeutsamkeit.

Die Infrastruktur trägt das mit: der Fitnessbereich Bliss House auf rund 300 Quadratmetern, bis zu neun offene Yogastunden pro Woche, ein Spa auf 5.500 Quadratmetern. Dazu ein Plateau auf 800 bis 1.000 Metern mit über 2.000 Sonnenstunden im Jahr – der seltene Fall, dass die Lage selbst Teil des Programms ist.

Warum das mehr verändert als jedes neue Gerät

Es gibt eine unbequeme Wahrheit im Gesundheitsmarkt: Der optimale Plan, den du nicht verstehst, ist schlechter als der solide Plan, den du begriffen hast. Das gilt für Training, für Ernährung, für Schlaf.

Deshalb ist Salutogenese kein weiches Konzept für Menschen, die es sich leicht machen wollen. Sie ist anspruchsvoller als jede Anwendung, weil sie dich zum Handelnden macht statt zum Empfänger. Niemand kann dir Verstehbarkeit verabreichen. Du kannst sie nur dir selbst aufbauen – und dafür brauchst du jemanden, der erklärt statt behandelt.

Das ist am Ende auch der brauchbarste Maßstab für die Frage, ob ein Gesundheitsurlaub etwas taugt. Nicht, wie viele Geräte im Haus stehen. Sondern ob du nach einer Woche mehr über deinen eigenen Körper weißt als vorher.

Antonovsky hat nach den Menschen gesucht, die schwimmen konnten, obwohl der Fluss alles gegen sie aufgeboten hatte. Er hat sie gefunden. Und das Beruhigende an seinem Befund ist, dass niemand als guter Schwimmer geboren wird.

FAQ-BLOCK

Was bedeutet Salutogenese einfach erklärt?

Salutogenese ist die Frage danach, was Menschen gesund hält – im Gegensatz zur Pathogenese, die fragt, was Menschen krank macht. Der Begriff wurde vom Medizinsoziologen Aaron Antonovsky (1923–1994) geprägt und setzt sich zusammen aus salus (Gesundheit) und genesis (Entstehung). Gesundheit ist dabei kein Zustand, den man hat oder verliert, sondern ein Kontinuum, auf dem man sich bewegt.

Was ist das Kohärenzgefühl?

Das Kohärenzgefühl (sense of coherence) ist der Kern von Antonovskys Modell und besteht aus drei Komponenten: Verstehbarkeit (ich kann einordnen, was mit mir passiert), Handhabbarkeit (ich habe Mittel, damit umzugehen) und Bedeutsamkeit (es hat für mich einen Sinn, mich anzustrengen). Je stärker das Kohärenzgefühl, desto besser bewältigen Menschen Belastungen.

Wie ist Antonovsky auf die Salutogenese gekommen?

1970 untersuchte er in Israel, wie Frauen mit den Wechseljahren zurechtkommen. Eher beiläufig hatte er nach einer Inhaftierung im Konzentrationslager gefragt. Das Ergebnis: 29 Prozent der Überlebenden waren bei guter psychischer Gesundheit. Statt auf den Abstand zur Vergleichsgruppe zu schauen, fragte er, was dieses Drittel gesund erhalten hatte.

Was unterscheidet einen salutogenetischen Gesundheitsurlaub von einem Wellnessurlaub?

Ein Wellnessurlaub setzt auf Anwendungen, die während des Aufenthalts wirken. Ein salutogenetisch gedachter Gesundheitsurlaub zielt darauf, dass du mit mehr Verständnis über den eigenen Körper abreist, als du angekommen bist – über Analysen, ärztliche Begleitung und Programme, die auch zu Hause umsetzbar sind. Das Alpenresort Schwarz in Mieming arbeitet nach diesem Ansatz.

Kann man das Kohärenzgefühl trainieren?

Es ist keine feste Eigenschaft, sondern entwickelt sich über Erfahrungen. Alles, was Zusammenhänge erklärbar macht, dir Handlungsmöglichkeiten gibt und dir zeigt, dass deine Anstrengung etwas bewirkt, stärkt es. Genau deshalb sind Wissensvermittlung und Selbstwirksamkeit in guten Gesundheitsprogrammen so zentral.

Kurt Tropper ist Co-Founder und Geschäftsführer von hotelsINshape. Er arbeitet seit über 25 Jahren im Tourismus und seit mehr als 35 Jahren im Bereich Marketing und Werbung. Für hotelsINshape betreut er das Netzwerk der Partnerhotels und schreibt über Training, Regeneration und Gesundheit im Urlaub.